Ein Ort der Ruhe, des Abschieds und der Meditation

Stuttgart hat den einzigen buddhistischen Friedhof Süddeutschlands. Im Herbst 2024 wurde er als Teil des Dornhaldenfriedhofs am Rand des Bezirks Degerloch eröffnet. Ein Verein hatte das Vorhaben vorangetrieben. Wer wird dort wie bestattet? 

Es ist noch zeitig am Morgen. Die Hitze des Tages hat Stuttgart noch nicht erreicht. Jede Menge Bienen schwirren um die gelbe und blaue Blütenpracht auf dem sogenannten Kreis der Erinnerung, einem blütenreichen Urnengrabfeld auf dem Dornhaldenfriedhof, das durch seine Sitzbänke dazu anregt, sich zu setzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Ein Greifvogel schreit irgendwo in der Ferne aus dem Wald, der eine grüne Brücke zwischen den Bezirken Degerloch und Süd bildet. Sonst ist es auffallend ruhig hier zwischen der imposanten indonesischen Buddha-Statue und dem Stupa, einem kleinen turmartigen Bauwerk, das den Grabhügel Buddhas repräsentieren soll. 

Die beiden steinernen Kunstwerke bilden den spirituellen Dreh- und Angelpunkt des buddhistischen Friedhofs Stuttgart. Er ist das erste buddhistische Gräberfeld in ganz Süddeutschland. Ähnliche Areale gibt es erst wieder in Berlin, Dresden, Bern oder Wien. Das Grabfeld wurde als Teil des sogenannten meditativen Friedhofs auf dem Dornhaldenfriedhof am Rand von Degerloch angelegt. Die Eröffnung war im Herbst 2024. Im Zentrum steht ein geschotterter Meditationsplatz. Jeden Sonntagmorgen treffen sich hier Interessierte, um ab 10.30  Uhr im Freien ihren Geist zu sammeln. Das eigentliche Grabfeld ist nur etwa 50 Quadratmeter groß, eine eher unscheinbare Wiese unter einer Eiche, geschmückt mit dem Stupa. Eine Urnenbestattung fand hier bislang statt. 

Vorangetrieben haben das Ganze die Eheleute Staufner aus Stuttgart-Vaihingen. Wolfgang und Hildegard Staufner sind seit 1985 Buddhisten und koordinieren die Aktivitäten im buddhistischen Zentrum Sakya Dechen Ling in ihrer Heimatstadt. Sie hatten sich eine würdevolle letzte Ruhestätte für Gleichgesinnte gewünscht. „Für uns war auch wichtig zu zeigen: Es gibt auch Buddhisten in Stuttgart“, sagt Wolfgang Staufner, und weiter: „Wir sind nicht das einzige Zentrum in Stuttgart.“ Wie viele Menschen sich in der Landeshauptstadt diesem Glauben zugehörig fühlen, vermag der 74-Jährige jedoch nicht zu sagen, da die Religionszugehörigkeit nicht offiziell erfasst wird. Das Portal Buddhismus.de spricht von 260.000 bis 300.000 Buddhisten deutschlandweit. Runtergerechnet auf Stuttgart müssten es hier also durchaus einige Hundert bis Tausend sein.

Wolfgang Staufner ist der Vorsitzende des Buddhistischen Friedhofsvereins Dornhalde Stuttgart. Gut sieben Jahre haben dessen Planungen gedauert. Angelegt hat das Feld schließlich die Stadt nach einem Entwurf, den eine Technikerklasse der Uni Hohenheim als Abschlussarbeit entwickelt hatte. „Dieser kam mit leichten Veränderungen zur Umsetzung“, sagt Frank Falk, der Leiter für Planung und Bau im Garten-, Friedhofs- und Forstamt. Er spricht von einer Ko-Produktion mit dem Verein.  Die Stadt sei beispielsweise zuständig fürs Mähen oder den Baumschnitt, der Verein pflege die Statuen. Gleich daneben, quasi als Erweiterung, befindet sich der meditative Kreis der Erinnerung, das gärtnerisch betreute und besonders insektenfreundlich bepflanzte Rondell mit den Sitzbänken, das die vier Elemente symbolisieren und Natur, Spiritualität und Achtsamkeit verbinden soll. Hier werden Urnen naturnah bestattet, unabhängig von der Religion. Die Nachfrage nach Urnengräbern nimmt stetig zu. „Derzeit sind circa 75 Prozent Urnenbeisetzungen und nur noch 25 Prozent Erdbestattungen“, sagt Frank Falk. Die Stadt wolle Menschen verschiedener Glaubensrichtungen Beerdigungen ermöglichen. Es gibt Grabfelder für Muslime, Jesiden, Mandäer beziehungsweise Sabäer oder freikirchliche Christengemeinschaften, zudem den jüdischen Friedhof. Auf dem buddhistischen Friedhof können sich die Mitglieder des Vereins beisetzen lassen. Der hat aktuell etwa 15 Mitglieder. Ihnen geht es laut Wolfgang Staufner um mehr als das bloße Grabfeld. „Im Buddhismus ist die Beerdigung weniger wichtig, denn man glaubt ja nicht an die Auferstehung des Leibes“, das Thema Wiedergeburt sei zentraler. Im Verein konzentriere man sich denn auch weniger auf die Beerdigungen an sich, sondern darauf, sich im Sterbeprozess zu begleiten. Von einem speziellen Ritus am Grab kann Wolfgang Staufner nicht berichten. Bei der einen Bestattung, die es auf dem buddhistischen Friedhof in Stuttgart bislang gab, seien im Kreis der Gemeinschaft Gebete gesprochen und Texte rezitiert worden. „Man versucht, noch mal Verbindung herzustellen.“

Der Dornhaldenfriedhof ist mit seinen neun Hektar einer der größeren Friedhöfe in der Landeshauptstadt. 1974 war hier die Erstbelegung. Er befindet sich auf dem Gelände des einstigen Schießplatzes Dornhalde der Königlichen Garnison Stuttgart. Bis heute weisen lange Schießwälle auf diese ehemalige Nutzung hin. Genau zwischen diesen Längswällen ist der meditative Friedhof angelegt. Er ist zu einem wichtigen Ort für die buddhistische Gemeinschaft in Stuttgart und Umgebung geworden. Hier treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Zentren, erklärt Wolfgang Staufner, zudem wird hier gemeinsam das Vesakh-Fest gefeiert, das ist der höchste Feiertag im Buddhismus. Zwar seien aus der Ursprungsplanung nicht alle Elemente umgesetzt worden, wie er sagt, doch er betont: „Es ist ein schöner Platz geworden. Wir brauchen auch nicht mehr.“

Von Caroline Holowiecki | Fotos: Maks Richter