Im Gespräch mit PD Dr. Claudia Blattmann
Im Olgahospital, dem Kinderkrankenhaus des Klinikums Stuttgart, werden Kinder mit Krebserkrankungen aus der gesamten Region behandelt. Die Kinderonkologie des größten Kinderkrankenhauses in Deutschland ist ein hochspezialisierter Ort, an dem modernste Medizin auf eine besondere Form der Fürsorge trifft. Und an dem das Leben trotz Krankheit weitergehen soll: mit Schule, Sport, Spiel, Kunst und möglichst viel Normalität. Im Interview mit top magazin Stuttgart spricht PD Dr. Claudia Blattmann, Ärztliche Direktorin der Pädiatrie 5 – Onkologie, Hämatologie und Immunologie, über die Diagnose Krebs, schwierige Entscheidungen, medizinischen Fortschritt und die Frage, wie viel Kindermedizin sich eine Gesellschaft leisten sollte.
top: Frau Dr. Blattmann, wenn ein Kind die Diagnose Krebs bekommt, verändert sich die Welt einer Familie innerhalb von Minuten. Was sagen Sie den Eltern in diesem ersten Moment?
Blattmann: Dass es auf jeden Fall eine gute Chance gibt, ihr Kind wieder gesund zu machen. Es ist ganz wichtig, den Eltern Hoffnung zu geben. Krebs ist bei Kindern in den allermeisten Fällen zu einer heilbaren Erkrankung geworden. Heutzutage können wir 82 Prozent aller Kinder dauerhaft heilen. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Situation bei Erwachsenen, bei denen die Heilungschancen bei manchen Krebsarten deutlich schlechter sind.
top: Aber wie erklärt man einem Kind überhaupt, was Krebs bedeutet?
Blattmann: Das ist sehr unterschiedlich und hängt natürlich vom Alter ab. Kleinkinder verstehen noch gar nicht richtig, was passiert – was in gewisser Weise auch gut sein kann, weil sie hier bei uns trotzdem Freude erleben. Wir haben ein Spielzimmer, Erzieherinnen und viele Angebote. Je älter ein Kind ist, desto eher merkt es natürlich: Mit mir stimmt etwas nicht. Dann versuchen wir, die Erkrankung kindgerecht zu erklären – mit Büchern, Bildern und Materialien. Der Krebs kann beispielsweise als böse Steine dargestellt werden, die Chemotherapie als besonderes Gift, das diese Steine zerstört. Die Bestrahlung oder eine Operation kann man ebenfalls bildlich erklären. Entscheidend ist aber: Man kann keine Pauschalregel aufstellen. Man muss sich immer auf das einzelne Kind und seine Eltern einstellen. Manchmal wollen Eltern zunächst auch gar nicht, dass ihr Kind alles erfährt. Dann müssen wir ihnen erklären, dass das Kind – seinem Alter und Verständnis entsprechend – wissen sollte, was mit ihm passiert. Wir sprechen deshalb häufig zunächst mit den Eltern alleine und anschließend gemeinsam mit dem Kind.
top: Für die Eltern ist eine solche Situation vermutlich kaum auszuhalten.
Blattmann: Ja, deshalb ist es extrem wichtig, ihnen die Angst zu nehmen. Solche Gespräche führen bei uns Fachärzte, häufig gemeinsam mit dem psychosozialen Dienst. Dann ist beispielsweise ein Psychologe, Sozialarbeiter oder Erzieher dabei. Denn Therapie bedeutet bei uns eben nicht nur medizinische Behandlung. Sie funktioniert im Team mit vielen verschiedenen Berufsgruppen.
„Eigentlich müssten Kinder zuerst drankommen. Denn sie sollen später unser gesellschaftliches Leben tragen.“
top: Viele Eltern informieren sich heute unmittelbar nach der Diagnose im Internet. Fluch oder Segen?
Blattmann: Beides. Es ist natürlich eine Chance, wenn Eltern Fragen stellen und sich Wissen aneignen. Manchmal kommen dadurch sogar sehr gute Fragen. Aber gleichzeitig stoßen sie im Internet auf viele falsche Informationen, die zusätzliche Angst erzeugen können. Es wird suggeriert, bestimmte Medikamente oder Präparate könnten Wunder bewirken, oder Krebs lasse sich mit Kräutern heilen und ohne Chemotherapie behandeln. Das ist gefährlich. Deshalb müssen wir Vertrauen schaffen. Wir müssen den Eltern vermitteln: Unser einziges Ziel ist es, Ihr Kind gesund zu machen. Wir sind die Profis, die wissen, was zu tun ist. Wenn dieses Vertrauen da ist, funktioniert die Zusammenarbeit. Wenn Misstrauen entsteht, beginnen Eltern häufig, die Erkrankung selbst therapieren zu wollen.
top: Ist bei Kindern die Früherkennung besonders entscheidend?
Blattmann: Wenn Kinder Tumoren haben, sind diese häufig bösartig, aggressiv und wachsen schnell. Dadurch werden die Erkrankungen meist relativ schnell auffällig. Erwachsene haben häufiger langsam wachsende Krebsformen, die wir bei Kindern gar nicht sehen. Auch die Ursachen unterscheiden sich. Bei Kindern spielt die Genetik eine wesentlich größere Rolle. Erwachsene entwickeln Krebs dagegen typischerweise auch durch äußere Faktoren wie Rauchen, Alkohol oder Ernährung. Dafür sind Kinder schlicht zu jung. Darm-, Lungen- oder Hautkrebs beispielsweise sehen wir bei Kindern nicht in dieser Form.
top: Welche Krebserkrankungen treten bei Kindern am häufigsten auf?
Blattmann: An erster Stelle stehen die Leukämien, danach Hirntumoren und Lymphome. Bei den Leukämien handelt es sich zu etwa 90 Prozent um akute Formen. Erwachsene haben dagegen typischerweise eher chronische Formen, die sich langsam entwickeln.
top: Das Klinikum Stuttgart gehört zu den großen kinderonkologischen Zentren. Wie ist Baden-Württemberg insgesamt aufgestellt?
Blattmann: Baden-Württemberg ist tatsächlich sehr gut aufgestellt, unser Haus gehört zu den zehn größten kinderonkologischen Kliniken Deutschlands. Neben Stuttgart gibt es große Zentren in Tübingen, Freiburg, Heidelberg und Ulm. Bundesweit beläuft sich die Zahl der Kinderonkologien auf rund 55. Das wird sich aber in den nächsten Jahren aufgrund der notwendigen stärkeren Zentralisierung ändern. Das bedeutet allerdings auch, dass die Patientinnen und Patienten weitere Wege auf sich nehmen müssen. Vielleicht 50 oder 100 Kilometer. In Australien, England oder den USA ist das völlig normal. Bei uns ist man es gewohnt, für jedes Problem das nächstgelegene Krankenhaus aufzusuchen. Das wird so nicht mehr funktionieren.
top: Was macht das Olgahospital so besonders?
Blattmann: Wir bieten praktisch alle Fachgebiete, die es braucht, unter einem Dach. Kinderchirurgie, Kinderorthopädie, HNO, Anästhesie, Kinderradiologie – alles ist hier vorhanden. Das bedeutet kurze Wege und eine extrem effiziente Zusammenarbeit. Wir können Kinder umfassend behandeln, ohne dass sie für einzelne Untersuchungen oder Eingriffe große Wege zurücklegen müssen. Auch die Ärztinnen und Ärzte kennen sich und sitzen beispielsweise gemeinsam in Tumorkonferenzen.
top: 82 Prozent Heilungsrate sind eine beeindruckende Zahl. Gibt es trotzdem Krebsarten, bei denen die Prognose noch deutlich schlechter ist?
Blattmann: Ja. Dazu gehören bestimmte Hirntumoren und Sarkome, also Weichgewebstumoren. Das ist auch unser Schwerpunkt hier in Stuttgart. Nicht alle, aber bestimmte Formen sind sehr aggressiv und haben nach wie vor schlechte Heilungschancen. Hier brauchen wir weiterhin Innovation und neue Therapien. Das ist in der Kinderonkologie besonders schwierig, weil Krebs bei Kindern selten ist. Wir haben in Deutschland etwa 2.500 Neuerkrankungen pro Jahr bei rund 20 Millionen Kindern. Zum Vergleich: Jeder dritte Erwachsene erkrankt irgendwann an Krebs. Für die Pharmaindustrie sind seltene Erkrankungen deshalb wirtschaftlich weniger attraktiv. Wer entwickelt Medikamente für eine Krankheit, wenn es später nur sehr wenige Patienten gibt? Das ist eines unserer großen Probleme. Doch Kindermedizin darf keine Frage des Geldes sein. Eigentlich müssten Kinder zuerst drankommen. Denn sie sollen später unser gesellschaftliches Leben tragen.
„Es ist fünf vor zwölf.“
top: Gleichzeitig geraten Krankenhäuser finanziell immer stärker unter Druck, Abteilungen werden geschlossen, Kinderärztinnen und Kinderärzte fehlen. Was bedeutet das für die Kindermedizin in Stuttgart und der Region?
Blattmann: Die Kindermedizin ist hochgefährdet und unterfinanziert, Kinder haben keine eigene Stimme. Sie brauchen Fürsprecher – und das versuchen wir zu sein. Das DRG-System, also die pauschalisierende Vergütung von Leistungen während der stationären Krankenhausbehandlung, passt überhaupt nicht zu ihr. Davon müssen wir endlich wegkommen.
top: Was bedeutet die angespannte finanzielle Situation für das Olgahospital?
Blattmann: Die Stadt Stuttgart als Trägerin des Hauses steuert jährlich mehrere Millionen Euro bei. Ohne diese Unterstützung würde es nicht gehen. Aber auch Stuttgart erlebt einen wirtschaftlichen Wandel. Der Druck steigt. In Deutschland schreiben rund 70 Prozent der Krankenhäuser rote Zahlen. Das ist also ein flächendeckendes Problem, von dem alle Kinderkrankenhäuser in Deutschland betroffen sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wo soll man noch sparen? Am Ende wird häufig beim Personal gespart. Das erzeugt eine Spirale. Wir sagen deshalb schon: Es ist fünf vor zwölf. An der Basis können wir das kaum lösen. Wir können nur immer wieder darauf aufmerksam machen, in die Politik hineinwirken und öffentlich darüber sprechen.
top: Damit gewinnen Stiftungen und Fördervereine noch mehr an Bedeutung.
Blattmann: Absolut. Die Olgäle-Stiftung ist sehr wichtig, aber auch unsere Kinderkrebsstiftung und der Förderverein krebskranke Kinder. Wir haben in Stuttgart glücklicherweise viele Institutionen und viele Ehrenamtliche. Ohne diese Unterstützung wäre unsere Station nicht das, was sie heute ist. Wir hätten keine Sport- und Kunsttherapie, keine Klinikclowns, keine so liebevoll gestalteten Wände und manche Bereiche des Krankenhauses überhaupt nicht. Allein in meiner Abteilung fließt vermutlich knapp eine Million Euro pro Jahr an Drittmitteln, überwiegend vom Förderverein. Die Olgäle-Stiftung unterstützt das gesamte Haus ebenfalls mit mehreren Millionen Euro. Dazu kommen einzelne große Anschaffungen wie etwa medizinische Geräte.
top: Wie kommen die Kinder zu Ihnen?
Blattmann: Die wichtigsten Zuweiser sind Kinderärzte und kleinere Kinderkliniken. Sie erkennen, dass ein Tumor vorliegen könnte, und schicken das Kind im Idealfall direkt in ein Zentrum. Manchmal läuft es aber auch anders. Wenn ein Kind beispielsweise mit Knochenschmerzen zunächst zu einem Orthopäden geht, denkt dieser verständlicherweise eher an orthopädische Ursachen und nicht sofort an einen Tumor. Dadurch kann sich die Diagnose verzögern. Deshalb ist es wichtig, dass Tumorerkrankungen erkannt und dann konsequent an spezialisierte Zentren weitergeleitet werden.
„Die Lebensqualität muss immer im Mittelpunkt stehen.“
top: Gibt es für Sie eine Grenze zwischen maximal möglicher Therapie und dem, was man einem Kind zumuten kann?
Blattmann: Kinder können erstaunlich viel aushalten. Therapien, die wir Kindern zumuten können, würde ein Erwachsener teilweise gar nicht tolerieren, weil seine Organe bereits jahrzehntelang belastet wurden. Die Grenze zeigt uns deshalb letztlich das Kind. Wenn es sagt: Ich kann nicht mehr. Wenn es nicht mehr in die Klinik will. Oder wenn die Eltern sagen: Wir können nicht mehr. Das müssen wir ernst nehmen. Schwierig wird es, wenn Eltern eine Therapie ablehnen, obwohl ihr Kind eine sehr gute Heilungschance hat. Dann muss ich manchmal tatsächlich vor einen Richter gehen und sagen: Nein, dem kann ich nicht zustimmen. Ich bin hier die Anwältin des Kindes.
top: Sie sind auch Palliativmedizinerin. Verändert das den Blick auf Heilung und Lebensqualität?
Blattmann: Auf jeden Fall. Mit moderner Palliativmedizin können wir Kindern heute teilweise noch viele Jahre mit guter Lebensqualität ermöglichen. Es gibt palliative Chemotherapien und andere Therapien, mit denen Kinder trotz einer schlechten Prognose noch zehn Jahre und länger gut leben können. Dabei muss die Lebensqualität immer im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam mit den Eltern und – soweit möglich – mit dem Kind muss entschieden werden, was gewünscht ist.

top: Wenn Sie für die Kinderonkologie in Stuttgart einen Wunsch frei hätten – wie würde er aussehen?
Blattmann: Weniger Ökonomie und weniger Bürokratie. Ich will meine Energie viel lieber in die Patientenversorgung stecken. Das Absurde ist: Selbst wenn ich mehr Fälle behandle und mehr Kinder versorge, kann ich teilweise weniger Erlöse erzielen, weil es die „falschen“ Patienten sind. Das ist doch nicht das, worum es in der Medizin gehen sollte. Darüber hinaus muss die Bürokratie endlich abgebaut werden. Wir führen beispielsweise Studien durch und wollen neue Medikamente entwickeln. Gleichzeitig werden die Auflagen immer höher und immer mehr Behörden müssen beteiligt werden. Heute kann es in Deutschland rund fünf Jahre dauern, bis eine Studie eröffnet wird. Ganz Europa lacht über uns.
top: Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag mit vielen Schicksalen nach Hause kommen: Wo können Sie am besten abschalten?
Blattmann: Beim Sport. Ich haue zum Beispiel gern auf den Boxsack. Ich brauche etwas, bei dem ich mich körperlich richtig auspowern kann. Ich fahre außerdem jeden Tag zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit und zehn Kilometer wieder nach Hause. Das hilft mir, einen Übergang zu schaffen. Man braucht diesen kurzen Abschnitt zwischen: Hier sind die Gedanken des Tages, die Schicksale, die Entscheidungen – und jetzt beginnt wieder das Privatleben.
Das Gespräch führte Matthias Gaul. Fotos: Maks Richter

