„Kessler muss wieder Kessler sein“
Seit zwei Jahrzehnten prägt Geschäftsführer Christopher Baur die Entwicklung der ältesten Sektkellerei Deutschlands. Zum 200-jährigen Bestehen von Kessler spricht er im Interview mit top magazin Stuttgart über die Verantwortung für eine traditionsreiche Marke, den Weg zurück zu alter Stärke, kompromisslose Qualität und warum Kessler für ihn weit mehr ist als ein Schaumwein.
top: Herr Baur, 200 Jahre Kessler: Welches Gewicht hat dieses Jubiläum für Sie persönlich?
Baur: Im Vorfeld war das Jubiläum eher mit Verantwortung verbunden. Viele haben gefragt: Was macht Kessler zum 200-jährigen Bestehen? Erst am 1. Juli, als wir gemeinsam gefeiert haben, wurde mir bewusst, wie außergewöhnlich dieses Jubiläum tatsächlich ist. Da konnte ich den Moment dann auch genießen.
top: Sie sind seit rund 20 Jahren bei Kessler. Welche Gedanken begleiten einen, wenn man für ein Unternehmen mit einer solchen Geschichte Verantwortung trägt?
Baur: Unabhängig vom Jubiläum ist Kessler die älteste Sektkellerei Deutschlands. Diese lange Geschichte ist für uns kein Selbstzweck, sondern eine wichtige Orientierung. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir viel aus unserer Historie gelernt – von der Gestaltung unserer Etiketten bis hin zur Markenkommunikation. Im Grunde war vieles, was Kessler ausmacht, bereits vorhanden. Unsere Aufgabe war es, diese Werte wieder freizulegen und in die Gegenwart zu übertragen.
top: Welche Werte sind das?
Baur: Vor allem die Liebe zum Detail und ein kompromissloses Qualitätsverständnis. Gleichzeitig steht Kessler für unkomplizierten Genuss. Wir wollen keine Marke für einen exklusiven Zirkel sein, sondern für Menschen, die guten Sekt schätzen. Gerade hier in der Region sieht man das sehr deutlich: Kessler gehört zu vielen besonderen Momenten einfach dazu.
top: Mit der Grande Réserve Rosé „Georges“ haben Sie zugleich eine Spitzencuvée auf den Markt gebracht. Will Kessler damit auch neue Zielgruppen ansprechen?
Baur: Das war nicht der eigentliche Gedanke. Unseren Grand Réserve „Georges“ haben wir vor über zehn Jahren zu Ehren unseres Gründers entwickelt. Das Prestige Cuvée „Georges“ liegt dabei mindestens
60 Monate auf der Hefe, bevor wir ihn degorgieren. Pünktlich zum Jubiläum haben wir sein Rosé-Pendant fertiggestellt. Der erste Jahrgang stammt aus 2018 und basiert, wie sein Bruder, auf einer Cuvée von Spätburgunder- und Chardonnay-Grundweinen. Uns ist auch wichtig zu zeigen, auf welchem Niveau wir arbeiten können –
ich denke, das ist gut gelungen.
top: Kessler hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Wo haben Sie die entscheidenden Hebel angesetzt
Baur: Unser Ziel war es, Qualität und Emotionalität wieder dorthin zu bringen, wo sie früher einmal waren. Kessler war über weite Strecken seiner 200-jährigen Geschichte erfolgreich. Es gab allerdings Phasen, in denen das Unternehmen seine DNA ein Stück weit verlassen hat. Tradition allein reicht eben nicht aus. Unsere Aufgabe bestand darin, an die Stärken der Vergangenheit anzuknüpfen und sie zeitgemäß weiterzuentwickeln.
top: Daraus entstand auch der von Ihnen geprägte Satz: „Kessler muss wieder Kessler sein.“ Was bedeutet das für Sie?
Baur: Genau das beschreibt unsere Philosophie. Wer sich für Kessler entscheidet, soll das gute Gefühl haben, nichts falsch machen zu können. Es muss nicht immer Champagner sein. Ein in der Region traditionell hergestellter Schaumwein kann genauso viel Freude bereiten und ein besonderes Geschenk sein.
„Wir konzentrieren uns auf klassische Cuvées mit international bekannten Geschmacksprofilen.“
top: Seit 2013 ist der italienische Genossenschaftsverbund CAVIT Mitgesellschafter bei Kessler. Wie stark beeinflusst der Mehrheitsgesellschafter die Entwicklung des Unternehmens?
Baur: Die Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Kessler kauft seit 200 Jahren Grundweine zu – das gehört zu unserem Geschäftsmodell. Mit CAVIT haben wir einen Partner, der uns dauerhaft Zugang zu hochwertigen Grundweinen sichert. Hinter CAVIT stehen mehr als 5.000 Winzer. Gleichzeitig konnten wir durch die Partnerschaft unsere Qualitätsstrategie schneller umsetzen und neue Produktionslinien aufbauen. Inhaltlich arbeiten wir jedoch völlig eigenständig. Wenn wir technische Unterstützung brauchen, bekommen wir sie – für uns eine perfekte Situation.
top: Welche Rolle spielt der Klimawandel inzwischen für die Schaumweinproduktion?
Baur: Inzwischen eine große. Die Erntezeitpunkte haben sich schon spürbar nach vorne gezogen. Viele Winzer handeln, indem sie in ihren Lagen auf andere, ans aktuelle Klima angepasstere Rebsorten umschwenken. Für hochwertige Schaumweine sind kühlere Klimazonen besonders wichtig. Deshalb gewinnen Regionen wie das Trentino weiter an Bedeutung. Dort sorgen die Höhenlage und kühle Nächte für ideale Voraussetzungen. Gleichzeitig entstehen bereits heute neue Schaumweinregionen, etwa in England. In 20 Jahren werden wir wahrscheinlich Weinbaugebiete erleben, die heute noch kaum jemand auf dem Schirm hat.
top: Wie sieht Ihre Philosophie bei den Grundweinen aus?
Baur: Wir konzentrieren uns auf klassische Cuvées mit international bekannten Geschmacksprofilen. Chardonnay eignet sich hervorragend für Schaumwein, Burgundersorten ebenfalls. Unter anderem heimischer Riesling spielt bei unseren Jahrgangssekten weiterhin eine wichtige Rolle. Wir setzen bewusst nicht auf außergewöhnliche Rebsorten oder kurzfristige Trends, sondern auf einen klaren, verlässlichen Stil.
top: Wenn der Firmengründer Georg Christian von Kessler heute einen Ihrer Sekte probieren könnte – was glauben Sie, würde er sagen?
Baur: Ich hoffe natürlich, dass er zufrieden wäre. Ehrlich gesagt wäre ich ziemlich angespannt, wenn er plötzlich vor uns stehen würde. Schließlich ist er für uns bis heute ein wichtiges Korrektiv. Wir wollen ihn nicht enttäuschen. Nach allem, was ich über ihn gelesen habe, war er aber auch ein geselliger Mensch. Deshalb hoffe ich, dass ihm gefallen würde, was wir heute machen, und ich bin mir sicher, dass wir einen schönen gemeinsamen Abend hätten.
top: Sie haben einmal gesagt, Kessler sei eine „lokale soziale Währung für Genussmomente“. Was meinen Sie damit?
Baur: Wenn in der Region besondere Momente gefeiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dabei ein Glas Kessler in der Hand gehalten wird. Menschen verbringen gemeinsam eine gute Zeit, stoßen miteinander an und verbinden diese Momente mit unserer Marke. In diesem Sinne ist Kessler für mich eine lokale Währung des Genusses.
top: Sie erleben inzwischen auch, dass Menschen gezielt einen Kessler bestellen – und nicht einfach einen Sekt.
Baur: Genau das war tatsächlich eines unserer Ziele. Als ich angefangen habe, ist mir die Pflichtangabe, dass auf jeder Flasche „Sekt“ stehen muss, immer aufgefallen. Das hat mich auf dem Etikett gestört. Rechtlich ist das selbstverständlich notwendig, persönlich mochte ich diesen Begriff nie besonders. Wörter wie Crémant oder Cava klingen für viele eleganter. Deshalb habe ich immer gesagt: Wenn die Menschen irgendwann nicht mehr nach einem Sekt fragen, sondern nach einem Kessler, dann haben wir viel erreicht.
„Mir ist wichtig, dass unsere Produkte nicht kompliziert wirken. Sie sollen Lust auf das zweite Glas machen.“
top: Bewusster Genuss spielt heute eine immer größere Rolle. Die Menschen trinken weniger Alkohol und achten stärker auf ihre Gesundheit. Wie verändert das Ihr Geschäft?
Baur: Diesen gesellschaftlichen Wandel gibt es schon seit Jahren, und ich halte ihn grundsätzlich für positiv. Ich stehe selbst für bewussten Genuss. Auch die oft kritisierte Generation Z sehe ich sehr positiv. Sie geht verantwortungsvoller mit Alkohol um, beschäftigt sich stärker mit Gesundheit und genießt bewusster – häufig auch gemeinsam mit Freunden. Dazu passt Kessler nach wie vor sehr gut. Der Markt ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 20 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig haben wir unseren Absatz in diesem Zeitraum verdoppelt. Offenbar haben wir also einige Dinge richtig gemacht.
top: Wo liegen heute Ihre wichtigsten Absatzmärkte?
Baur: Regional sind wir sehr breit aufgestellt. Unsere Produkte findet man im Lebensmitteleinzelhandel, im Fachhandel, in der Gastronomie, Hotellerie und sogar teilweise an Tankstellen. Der größte Anteil entfällt auf
den Lebensmitteleinzelhandel, danach folgen Fachhandel und Gastronomie. Außerhalb Baden-Württembergs konzentrieren wir uns dagegen fast ausschließlich auf Gastronomie und Fachhandel. Für eine flächendeckende Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels fehlen uns schlicht die Mengen.
top: Baden-Württemberg bleibt also Ihr wichtigster Markt?
Baur: Absolut. Als ich angefangen habe, war Kessler zwar bundesweit vertreten, allerdings häufig über ein sehr breites und wenig klares Sortiment. Wir haben uns bewusst entschieden, das Portfolio deutlich zu verkleinern, uns auf unsere historischen Marken zu konzentrieren und die Region in den Mittelpunkt zu stellen. Hier kennen die Menschen Kessler, hier können wir glaubwürdig kommunizieren. Diese Strategie war so erfolgreich, dass wir bislang gar keine Kapazitäten hatten, stärker überregional zu wachsen. Perspektivisch wäre es aber schön, wenn rund 30 Prozent unseres Absatzes außerhalb unserer Heimatregion erzielt würden.
top: Und international?
Baur: Export war für uns bisher nie ein strategischer Schwerpunkt, weil wir mit unserem Heimatmarkt ausgelastet waren. Trotzdem freut es mich jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt Kessler getrunken wird. Ob in Singapur, England oder Österreich – die Vorstellung, dass dort jemand mit einem Glas Kessler anstößt, erzeugt bei mir immer noch Gänsehaut.
top: Der Markt für alkoholfreie Getränke wächst rasant. Wird es auch einen alkoholfreien Kessler geben?
Baur: Mit dem Thema beschäftigen wir uns selbstverständlich. Persönlich sehe ich die klassische Entalkoholisierung von Wein allerdings kritisch. Alkohol ist ein wichtiger Geschmacksträger. Wenn man einem fertigen Wein den Alkohol entzieht, nimmt man ihm aus meiner Sicht einen wesentlichen Teil seines Charakters. Spannender finde ich Getränke auf Traubenbasis, die von Anfang an alkoholfrei entwickelt werden. Das ist aus meiner Sicht ein besserer
Ansatz. Dennoch beobachten wir den Markt
sehr genau, denn natürlich verändert sich das Konsumverhalten.
top: Sie selbst bezeichnen sich gar nicht als Weinfachmann. Wie würden Sie Ihre Rolle bei Kessler beschreiben?
Baur: Ich bin tatsächlich Quereinsteiger. Als ich vor rund 20 Jahren zu Kessler kam, wusste ich über die Sektbranche nur sehr wenig. Auch heute würde ich mich nicht als Weinexperten bezeichnen. Dafür habe ich ein Team aus hervorragenden Fachleuten um mich herum, denen ich voll vertraue. Ich kann meine Vorstellungen als Konsument einbringen – und gemeinsam entsteht daraus etwas richtig Gutes.
top: Trotzdem prägen Sie den Stil der Marke entscheidend mit.
Baur: Ja, das ist tatsächlich meine Aufgabe. Ich betrachte die Marke Kessler und ihre Produkte immer aus Sicht des Konsumenten. Ich möchte unkomplizierten Genuss auf höchstem Niveau bieten – mit klassischen, international verständlichen Geschmacksbildern. Natürlich würde unser Kellermeister auch gerne einmal neue Wege gehen. Dafür gibt es Sondereditionen. Aber für die Marke Kessler haben wir eine klare Produktphilosophie.
top: Wie würden Sie den Kessler-Stil in wenigen Worten beschreiben?
Baur: Klassische Cuvées auf hohem Niveau, traditionell hergestellt. Dazu gehört auch, dass wir sehr zurückhaltend dosieren und unsere Sekte eher trocken ausbauen. Der überwiegende Teil unseres Sortiments besteht aus Brut oder noch trockeneren Qualitäten. Mir ist wichtig, dass unsere Produkte nicht kompliziert wirken. Sie sollen Lust auf das zweite Glas machen. Das ist für mich echter Genuss.
„Was man nicht einfach erschaffen kann, ist eine Marke mit 200 Jahren Geschichte.“
top: Wenn Sie heute an das 225-jährige Jubiläum denken – wo soll die Marke dann stehen?
Baur: Vor allem wünsche ich mir, dass Kessler auch in 25 Jahren noch Kessler ist. Dass die Marke Menschen Freude bereitet, schöne Momente begleitet und ihre Tradition bewahrt, ohne den Zeitgeist aus den Augen zu verlieren. Wie die Welt dann aussehen wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Größer um jeden Preis müssen wir nicht werden. Wir produzieren heute rund 2,4 Millionen Flaschen im Jahr. Wenn daraus irgendwann einmal drei Millionen werden, ist das völlig ausreichend. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern dass wir unsere Identität bewahren.
top: Was darf sich bei Kessler niemals verändern?
Baur: Die Qualität, die Emotionen und die Liebe zum Detail.
top: Nochmals ein Blick zurück: Als Sie Kessler übernommen haben, galt das Unternehmen als Sanierungsfall. Was hat Sie damals trotzdem gereizt?
Baur: Es gab überhaupt keinen äußeren Zwang. Ich stand zufrieden voll im Arbeitsleben und hätte meine Karriere dort fortsetzen können. Aber das hat mich nicht zu 100 Prozent erfüllt. Mit Kessler bin ich in Esslingen aufgewachsen. Wahrscheinlich habe ich damals gemerkt, dass ich ein Markenmensch bin. Ich bin sehr unvernünftig an die Aufgabe herangegangen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass in dieser Marke unglaublich viel Potenzial steckt. Ich war überzeugt, dass man sie wieder zum Leben erwecken kann. Ich dachte damals allerdings, das würde drei oder fünf Jahre dauern. Tatsächlich hat es deutlich länger gebraucht.
top: Was hat Kessler Ihnen persönlich gegeben?
Baur: Sehr viel. Das Umfeld passt zu mir: Genussmenschen, Gastronomie, Gastfreundschaft – das ist genau meine Welt. Gleichzeitig kann ich hier Dinge gestalten und unmittelbar verändern. Besonders stolz macht mich, dass wir Kessler nicht über harte Einsparungen saniert haben, sondern über die Marke selbst. Unser wichtigstes Kapital war nie eine Produktionsanlage oder der Wein. Wein kann jeder kaufen, eine Sektkellerei kann man aufbauen. Was man nicht einfach erschaffen kann, ist eine Marke mit 200 Jahren Geschichte. Genau dieses Markenversprechen wieder glaubwürdig zu machen, war unsere eigentliche Aufgabe. Dass uns das gelungen ist, darauf bin ich wirklich stolz.
Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul
Fotos: Maks Richter

